· 

Ist 50 das neue 30? Wohl nicht für jeden unter uns.

Wenn ich von 50 Jährigen höre oder lese "Hilfe, ich werde alt", dann kann ich dem entgegen nur ein schelmisches Schmunzeln schenken. Ja, auch ich werde alt und das ist auch gut so. Ich bin stolz auf mein Alter von 50 Jahren und das was aus mir geworden ist, was ich aus mir gemacht habe, das was ich bisher geleistet habe. Ich kann auch behaupten: Heute mit 50 sehe ich viel besser, sexier und schöner aus als noch vor 10 oder 20 Jahren. Schon als Kind war ich ein kleines dickes Wutzerl, ein hässliches Entlein und wurde von meinen Mitschülern immer wieder gehänselt. Nach der Schule bis etwa zum 40. Lebensjahr fand ich mich weder hübsch noch nett anzusehen. Das Haar wurde weniger, jedoch der Bauch wurde mehr. Der Lockenstab und das Haarspray haben nicht wirklich gute Arbeit geleistet. 

Heute, mit 50, trage ich mit Stolz eine schön rasierte Glatze und einen dichten, schön gepflegten Vollbart. Selbst der Bauch ist komplett verschwunden. In den letzten 6 Monaten habe ich gewollte 15 Kilo abgenommen. 

Weshalb? Ich achte mehr auf mich, ich denke und handle anders, ich lege mehr Wert auf mein Äußeres. Ich kleide mich anders, H&M und Co sehe ich nur noch von außen, ich lege mehr Wert auf Marke. Fitness war früher ein Fremdwort für mich, kam ich doch schon ins schwitzen, wenn ich nur dabei zugesehen habe. Heute weiß ich, dass das Fitnessstudio und das Krafttraining zu meinem Alltag gehören. Die Frauen (und die Männerwelt) schenken mir mehr Blicke als je zuvor. Das ehrt mich, das freut mich. Wenn selbst ein Mann zu mir sagt: "Du hast aber einen knackigen Hintern", dann darf man sich in seiner eigenen Haut wohlfühlen. 

Wenn ich aber auf Facebook oder bei meinen Heimatbesuchen meine Jahrgänger aus der Schule sehe, steigt wieder mein Zweifel vom "50 ist das neue 30". Der Eine hat schon einige Krankheiten hinter sich, der Andere sieht versoffen und verlebt aus. Ein anderer hat zwei Scheidungen hinter sich und bekommt sein Leben nicht mehr in Griff. Schon deshalb kann das "50 ist das neue 30" nicht verallgemeinerert werden.

50 macht dich reifer, sexier und interessanter

Wenn auf der Geburtstagsfeier genau so viele Kleinkinder wie Erwachsene auftauchen, dann weiß ich, ich bin in der nächsten Generation gelandet. Wenn mir Schüler in der Straßenbahn, in Bussen oder in der U-Bahn ihren Platz anbieten, dann weiß ich, ich sehe etwas reifer aus. Wenn die Nachbars Kinder mich das erste mal mit Sie ansprechen, dann weiß ich, ich bin älter geworden. Und wenn ich schon das dritte Mal als erster von einer Party nach Hause gegangen bin, dann weiß ich, es geht nicht mehr so wie früher. 

Dabei suche ich nach Nachteilen und stelle fest: selbst hierbei gibt keine. 

Galt der 50. Geburtstag früher als Startschuss für die Rentenplanung, ist es in meiner Wahrnehmung eher ein Alter, in dem die Menschen wie ich noch einmal richtig durchstarten. Sowohl privat als auch beruflich: Marathonlauf, große Fernreisen oder ein neuer Job – für viele, die vor 30 Jahren 50 waren, ist das undenkbar. Für meine Generation ist es dagegen nichts Ungewöhnliches. Großmütter laufen in Chucks (Turnschuhe, die früher für Rebellion standen) ihren Enkelkindern im Stadtpark hinterher, und beim Rockkonzert johlen sie ganz selbstverständlich alle Texte mit. Die heute 50-Jährigen wirken viel jünger als die vor 20 oder 30 Jahren. Doch stimmt das eigentlich, oder täuscht uns dieser Eindruck? Insgesamt gibt es bei uns einen gesellschaftlichen Drang, das Alter immer weiter nach hinten zu schieben und die Jugendlichkeitsphase aufzudehnen. Das ist wohl darin begründet, dass heute 50-Jährige im Schnitt gesünder und besser gebildet sind, insgesamt länger leben, aber auch generell eine ganz andere Lebensführung haben als 50-Jährige vor 30 oder 60 Jahren.

Die Signale mit 50

Mein Körper sendet mir allerdings viele unüberhörbare Signale: Die Kräfte lassen schneller nach, die Sinne werden schwächer, Stress fühlt sich noch anstrengender an, es fällt zunehmend schwer, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Ohne Training bauen die Muskeln viel schneller ab als früher. Ab jetzt muss man mehr machen als früher und nicht weniger. Unter Gleichaltrigen wächst nun eine gewisse Kluft: mit zunehmendem Alter fällt das seelische und körperliche Wohlbefinden bei verschiedenen Menschen deutlich auseinander. Die einen fühlen sich zunehmend alt, schwach, müde und verbraucht, während die anderen wie ich fidel und scheinbar alterslos durch die Gegend springen und ihre Jugendlichkeit zur Schau stellen.

Das Thema Tod tritt nun unvermeidlich ins eigene Leben und wirft Sinnfragen neu auf, auch wenn bei denen, die es bis hierhin geschafft haben, die Lebenserwartung stetig steigt. Wahrscheinlich hat man nun bereits selbst eine Erkrankung erlebt, die nicht nach ein paar Tagen wieder verschwunden war, oder man kennt einen Gleichaltrigen, den es "erwischt" hat, der an einer schweren Krankheit oder einem überraschenden Herzinfarkt gestorben ist.

Man kann also nicht von einzelnen wie mich auf alle 50-Jährigen schließen. Es gibt eine große Bandbreite an unterschiedlichen Zuständen im Hinblick auf Gesundheit, Bildung und Vermögen von Menschen im 50. Lebensjahr. Es gibt viele, die deutlich jünger wirken als frühere 50-Jährige, weil sie gesund und aktiv sind und auch eine gewisse materielle Ausstattung haben. Deshalb ist der Eindruck insgesamt nicht falsch. Aber, wir haben auch viele 50-Jährige in unserer Gesellschaft, die schon lange chronisch krank sind oder langzeitarbeitslos. Von diesen Menschen werden wir meist nicht behaupten, dass sie wie 40 oder 30 aussehen.

Häufig werden die positiven Beispiele verallgemeinert. Grund dafür ist, dass wir nur die marathonlaufenden 50-Jährigen in der Öffentlichkeit wahrnehmen und die, die Rockkonzerte besuchen oder in Turnschuhen ihren Enkeln im Park hinterherlaufen. Doch die, die schon einen Rollator brauchen, weil sie durch eine Krankheit gezeichnet sind, tauchen in der Öffentlichkeit nicht auf, weil sie zu Hause bleiben.

Für Veränderungen ist es nie zu spät

Ich habe mit 50 mein Leben komplett umgekrempelt. Jetzt genieße ich meine Freizeit mehr als je zuvor. Ich genieße die Zeit mit meinen Freunden und der Familie. Ich lebe gelassener und sehe nichts mehr so eng. Meine Interessen haben sich geändert, Freunde werden aussortiert - nicht die Quantität sondern die Qualität einer Freundschaft zählt. Ich verzeihe leichter, bin offener für Neues. Das Lachen und das Genießen haben einen höheren Stellenwert als das Diskutieren und das Streiten. Mein Äußeres hat sich verändert, Sport gehört zum Alltag - was früher ein Fremdwort war. Alles wird ausprobiert, nichts von Anfang an ausgeschlossen. Die Verantwortung für das Wohlbefinden der eigenen Eltern sowie von älteren Verwandten und Freunden wächst. Das verlangt nicht selten Abstriche beim eigenen Lebensgenuss, bietet aber auch die Chance, diese Beziehungen mit neuem Leben zu erfüllen. Aus Langeweile kann Erschöpfung wachsen, deshalb wird es keine Langeweile geben. Ich werde in dieser Phase selbst zum Mentor und beginne, meine Erfahrungen weiterzugeben – und selbst wieder von Jungen zu lernen. Mit jeder Falte werde ich reicher - reicher an Erfahrung. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Florian aus Hörsching (Freitag, 08 November 2019 08:56)

    50 Jährige sehen heute besser, gepflegter und interessanter aus als vor 30 Jahren, wenn das Umfeld und die Situationen passen. Sie pflegen sich mehr, machen mehr aus sich. Vielleicht liegt es auch daran, dass es mehr Pflegeprodukte und Mittelchen gegen das Altern gibt.

  • #2

    Silvia (Freitag, 08 November 2019 12:30)

    Danke für den Artikel. Da freut man sich schon aufs Altern. Dein Blog ist wunderschön und deine Berichte wunderschön zu lesen. Freue mich auf viele weitere Beiträge. Sie sind abwechslungsreich und höchst interessant. DANKE, Silvia aus Gamlitz in der Steiermark

  • #3

    Mitte 50er (Samstag, 23 November 2019 11:20)

    Wie sang Udo Jürgens: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Ich kann deinem Beitrag nur zustimmen. Auch ich, Mitte 50, fühle mich wohler als je zuvor.

  • #4

    Gabi (Samstag, 23 November 2019 16:32)

    Hallo Mr. Federlos -gut geschrieben Dein Beitrag. Was hat Dich den veranlaßt Dein Leben und Deine Einstellung zu ändern ? Die 50 ? Glaube ich ja nicht - meist steckt was anderes dahinter. Bei mir steht schon ein 6er davor, was mir ziemlich egal ist. I feel good - mache Sport und lerne Neues! Ein bisschen schwer tu ich mir mit der Schriftgröße auf Deinem Blog bzw. ein paar Absätze wären lesefreundlich, wenn ich das so sagen darf. Nun ich muss mir halt eine neue Brille besorgen - Lach - herzliche Grüße Gabi - demnächst werde ich Dich auf meinem Blog der Woche vorstellen.

  • #5

    Jürgen von Federlos an Gabi (Sonntag, 24 November 2019 18:17)

    Vielen lieben Dank für deine Nachricht. Ich werde mir das Thema mit der Schriftgröße gerne mal zu Herzen nehmen.
    Ja, ich gebe dir recht, Absätze würden meine Beiträge wohl etwas lesbarer machen. Auch das werde ich mir zu Herzen nehmen und ab dem nächsten Beitrag auch umsetzen.
    Oh, da bin ich schon sehr auf deinen Beitrag zum "Blog der Woche" gespannt.
    Herzliche Grüße, Jürgen

  • #6

    Sabienes (Sonntag, 01 Dezember 2019 13:24)

    Wenn 50 das neue 30 wäre, dann bin ich inzwischen bereits 40! Ich würde mich also so langsam wieder mit den Wechseljahren auseinander setzen müssen und hätte mindestens einen pubertierenden Sohn im Haus.
    Was ich damit sagen will: Eigentlich ist es egal, wie alt man ist. Solange man einigermaßen gesund ist und gute Laune hat. An guten Tagen denke ich zumindest so!
    LG
    Sabienes