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Das Wirtshaussterben geht immer schneller voran

Geht das Wirtshaussterben tatsächlich so schnell voran? Manchen meiner Freunde kommt es eher vor, es werden immer mehr Restaurants. Ja, das mag vielleicht stimmen. Insgesamt ist die Zahl der Gasthäuser und Restaurants, anders als man es wahrnimmt, tatsächlich gestiegen. Besonders in manchen Bezirken von Wien ist das wahrzunehmen. Allerdings haben Pizza, Kebab und die Frühlingsrolle die Vorarlberger Kässpätzle, den Schweinebraten, das Jägerschnitzel und den Tafelspitz verdrängt. Zünftige Schlachtpartien und Wildbret-Wochen werden durch asiatische Noodle-Boxen und Kebab-Aktionen ersetzt.  

Das klassische Wirtshaussterben findet also tatsächlich statt. Vor allem auf dem Land wie in Vorarlberg, aber auch vermehrt in Großstädten wie in Wien ist dies zu spüren. Die Traditionshäuser hat es ganz arg erwischt. Mir fällt es in diesen beiden Regionen besonders auf, weil ich mich in diesen beiden Bundesländern am meisten aufhalte. 

Gasthaussterben in der Stadt und am Land

Dann wird es wahrscheinlich den Wirten in anderen Regionen nicht besser gehen. Selbst im benachbarten Bayern sind drei meiner Lieblingshotels und Pensionen erst kürzlich geschlossen worden. Ein lieber Freund und ehemaliger Wirt aus Bayern, der ein nettes Hotel im Bayerischen Wald geführt hatte, meinte dazu: „Es bleibt einfach zu wenig hängen. Der Arbeitseinsatz ist sehr hoch, ebenso wie die Personalkosten und der Wareneinsatz. Ein qualitativ gutes Rindsfilet aus der Region findet sich zu Recht mit über 30 Euro auf der Speisekarte, sonst ist es nicht kostendeckend."  

Angekündigt und plakatiert wurde die Schließung seines Hotels mit dem Hinweis: "Aus gesundheitlichen Gründen mussten wir für immer unseren Betrieb schließen." Das Jammern ums liebe Geld stößt meist nur auf Unverständnis, sagt er. Bei der Gesundheit hat dann doch ein jeder etwas mehr Verständnis. Doch dahinter steckt noch viel mehr. Es gibt auch keine Nachfolge. Neben der (drohenden) Insolvenz ist der fehlende Nachfolger die häufigste Ursache für Schließungen. 

Zu den Kebab-Buden, Pizzerias und China-Restaurants werden die Preise im traditionellen Wirtshaus oft durch Billigst­essen in Möbelhäusern wie XXXLutz, KIKA, Möbelix, IKEA, ... als zu hoch empfunden. Billigessen, aber letztlich auch die heimische Hotellerie, die den Gast durch Verwöhn-Vollpensionen gar nicht mehr außer Haus lassen, haben teils zum Wirtshaussterben beigetragen. Ein reines Wirtshaus ohne Übernachtungsmöglichkeiten, wie es Gasthöfe, Hotels, Pensionen anbieten, rechnet sich nicht mehr. 

Doch es gibt ein weiteres Problem. 

Soziale Netzwerke ersetzen ein Treffen in Gasthäuser

Hat man sich früher in Wirtshäuser für Unterhaltungen getroffen, pflegen die Leute ihre Sozialkontakte über WhatsApp und Facebook. Den klassischen Stammtisch gibt es praktisch nicht mehr, und die meisten Familien essen zu Hause bzw. müssen überlegen, wie oft sie es sich leisten können, auswärts essen zu gehen. Mal einen "runden Geburtstag" im Wirtshaus mit Familie und Freunden zu verbringen, ist ja schön und gut. Aber was ist mit der Zeit dazwischen? 

Man kann mit gutem Kochhandwerk zwar beim Gast punkten, aber man braucht zum Wirtshaus noch andere Ideen. Selbst Handelsketten wie Lidl, Hofer und Co bieten ausgezeichnete Gourmet-Produkte an, wie man sie früher nur im Fachhandel für die Gastronomie erhalten hat. Da ist teils nur mehr ein Mikrowellenherd nötig, um ein "Mohr im Hemd" als Nachtisch backwarm seinen Gästen servieren zu können. Wahre Kunstwerke werden angeboten, die meist wenig Kochkenntnisse zum Aufwärmen benötigen. 

Auf der Online-Plattform bei Hofer heißt es dazu: 

"Mit der Marke GOURMET sorgt Hofer mehrmals im Jahr für Produktinnovationen, die man sonst nur von Delikatessenläden kennt. Die Palette reicht von Köstlichkeiten aus dem Meer über italienische Spezialitäten bis hin zu Schmankerl für Fleischliebhaber. Für GOURMET gilt - wie immer bei Hofer - höchster Genuss zum gewohnt niedrigen Preis. Einige Delikatessen der Marke GOURMET gehören mittlerweile aufgrund der großen Nachfrage zum Standardsortiment. Der Großteil der Produkte ist allerdings nur vorübergehend erhältlich." 

Ein weiterer Grund für das Wirtshaussterben: Die Öffnungszeiten der Häuser müssen weiter reduziert werden, da das Personal fehlt oder das Personal immer mehr Wert auf ihre Freizeit legen. Zwei Ruhetage pro Woche und Betriebsurlaube in der Hauptsaison sind keine Seltenheit mehr. Doch das rechnet sich für den Wirten nicht mehr. „Früher hatten wir an zwei bis drei Tagen im Jahr zu. Das Wirtshaussterben ist ein schleichender Prozess", sagt dazu ein lieber Bekannter aus Wien, der inzwischen sein Restaurant auch schon geschlossen hat. Wie Anfangs erwähnt, nicht die Zahl der Betriebe in ihrer Gesamtheit geht zurück, da wird eben aus dem gutbürgerlichen Gasthaus eine Pizzeria.

Den Wirten wirds nicht leicht gemacht

Hinzukommen die behördlichen Auflagen in Österreich. Diese sind päpstlicher als der Papst. Die Gesamt­kosten erschlagen einen als Wirt, man hat zu viele Pflichtbeiträge zu tragen. Dazu sind die Lohnnebenkosten hoch. Der Gast sieht jedoch nur den Preis auf der Speisekarte, aber nicht, wie wenig den Wirte­n davon wirklich bleibt. Gute, regionale Qualität hat eben ihren Preis. Auch gutes Personal. Wären etwa die Lohnnebenkosten geringer, könnte man Mitarbeitern mehr netto lassen. Damit würden auch die Jobs attraktiver werden. Selbst ich habe mich aus dem Gastgewerbe komplett zurückgezogen. 

Symbolbilder

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Kommentare: 2
  • #1

    Gerhard (Sonntag, 29 September 2019 05:39)

    Ein Problem, an dem jede Region zu nagen hat. 3 gute Restaurants wurden in unserem Ort zu Pizzerien und Chinesen.

  • #2

    Sonja (Montag, 07 Oktober 2019 17:16)

    Dem stimme ich zu 100% zu. Toller Blog!