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Sorry! Wann bin ich nur so (zur Bestie) geworden?

 

Ich habe mich selbst ertappt und es tut mir auch unendlich leid. Ich habe aus Schadenfreude über die Dummheit eines Menschen auf eine Nachricht hin ein "Like" auf Facebook gesetzt. Immer öfter bemerke ich bei mir diese eine Entwicklung, die mir ein wenig Angst bereitet. Ich kann mich dafür nur entschuldigen. Wann bin ich zu dieser Bestie geworden?

 

Das Problem das ich habe ist, dass ich für Tiere erheblich mehr Mitgefühl empfinde als für Menschen! Und ich befürchte, dass das nicht normal ist! Erst kürzlich, als in der Neujahrsnacht sich die schreckliche Meldung über den fürchterlichen Brand in einem Zoo in Krefeld, bei dem 30 Affen ums Leben gekommen sind, verbreitet hat, war ich Tage danach noch traurig und tief betroffen.

 

Es ist bei mir ja nicht so, dass mir das Leid von Menschen egal ist. Natürlich machen mich auch Reportagen sehr traurig, die über leidende Menschen berichten. Es macht mich betroffen, wenn ich so arme traumatisierte, unterernährte und leidende Kinder sehe. 

ABER: Wenn Tiere leiden müssen, tut es mir viel mehr weh! Es schmerzt so sehr, dass ich es kaum ertragen kann. Um es mal knallhart zu sagen: Im direkten Vergleich schmerzt mich das Leid eines Tieres viel mehr als das Leid eines Menschen. 

 

Das Schlimme ist, dass sogar menschliche Babys in mir nicht annähernd so starke Gefühle hervorrufen wie Tierbabys. Das kann nicht normal und natürlich sein! Bin ich tatsächlich eine Bestie geworden? 

 

Tierliebe gegen Menschenliebe

 

Werden Menschen überhaupt immer mehr zu Bestien. Denn diese Entwicklung bemerke ich auch in den sozialen Netzwerken. Ihr habt bestimmt auch schon öfters auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken Nachrichten wie diese gelesen:

"Bei Feuerwerk Finger abgetrennt." "Raser tödlich verunglückt." "Angreifer erschossen." "Mann von Bären getötet." "Bei Schönheits-OP das Leben verloren." "Urlauber in der Türkei festgenommen." "Abenteurer entführt und enthauptet." "Bei Jagd von Löwen gefressen." 

Es nimmt ja kein Ende!

 

Setzte man vor Jahren noch ein trauriges Smilie darunter, findet man heute überwiegend ein "Daumen hoch" oder ein "lachendes Smilie." Es kommt bei den meisten Menschen eine Schadenfreude auf. Die Kommentare darunter sind auch nicht besser. 

"Selbst Schuld, kein Mitleid, richtig so, ..." sind da keine Seltenheit mehr. 

Kein Bedauern, kein Mitleid, keine Anteilnahme, ... ist mehr zu verspüren. Wenn es aber um Tiere geht, da verspüren wir Schmerz, Leid, Mitgefühl und Trauer. Wehe dir, einer tanzt bei den Kommentaren aus der Reihe und zeigt kein Mitgefühl. Diese Person wird im Netz regelrecht gelyncht. 

 

Wie haben wir uns nur entwickelt? 

 

Tiere sind arm - Menschen selbst schuld

 

Stimmt etwas mit mir und den vielen Menschen da draußen nicht, weil uns das Leid eines Tieres mehr schmerzt als das Leid eines Menschen. Eine Störung von Krankheitswert läge eventuell vor, wenn ich keinerlei Empathie für Menschen empfinden könnte und mich dementsprechend dissozial verhalten würde. Das ist jedoch überhaupt nicht der Fall. Denn es ist ja auch so, dass das menschliche Leid mir überhaupt nicht egal ist.

 

Ohne meine Gefühle schmälern zu wollen - aber es gibt viele Menschen, die das so erleben. Denn Tiere sind in ihrem Verhalten eindeutig, sie zeigen ihre Zuneigung vorbehaltlos und wecken in uns Menschen meist den Beschützerinstinkt.

Dass die Tierliebe der Menschen merkwürdige Formen annehmen kann, zeigen viele von mir gelesenen Studien. Offenbar haben Menschen mehr Mitleid mit geprügelten Hunden als mit geschlagenen Erwachsenen.

 

Zuletzt konnte man diese tiervernarrte Reaktion an den Reaktionen zu einem Video auf Facebook erkennen: In Texas erschoss ein Polizist versehentlich einen Hund. Kurz darauf hatten Hundefans eine Facebook-Seite für den Hund gegründet, 20.000 Menschen hatten sie kurz darauf gelikt, und Tausende Menschen hinterließen Botschaften für den armen, toten Hund. 

Tatsächlich zeigen diese Studien mit Haustierbesitzern, dass diese häufig eine engere emotionale Bindung zu Tieren haben als zu Menschen.   

 

Rettet den Schokoladen-Osterhasen

 

Und doch gibt die Tierliebe zu denken. Der Esel in den Ferien im Süden, den sein Besitzer peitscht, rührt uns oft mehr als die Bilder von Menschen auf der Flucht, die alles verloren haben. Man rechtfertigt sich damit, dass der Krieg ja menschengemacht sei. Verurteilt die Spezies, der man selber angehört, für ihren Zerstörungswillen. Tiere hingegen sind unschuldig und schutzlos.

 

Noch eine Deutung bietet sich an. Indem wir mit den Tieren mitfühlen, machen wir deren Hilflosigkeit zu unserer eigenen. Das Leben ist unwägbar, immer mehr wird einem bewusst, was es zu verlieren gibt. Man trauert um Verlorenes, fühlt sich ohnmächtig und identifiziert sich also mit der leidenden Kreatur. Und ehe man sich's versieht, weitet sich das Mitgefühl auf Dinge aus. Man bedauert nun selbst die Schokoladenhasen, die nach Ostern noch immer in den Läden stehen und darauf warten, wieder eingeschmolzen zu werden.

 

Ich werde mich jedoch in Zukunft hüten, auf Facebook aus Schadenfreude ein "Daumen hoch" zu geben. Es soll wieder zur Normalität werden, dass ich Menschen, auch wenn sie aus ihren eigenen Dummheiten zu Schaden gekommen sind, nichts Schlechtes wünsche. 

 

Ganz ehrlich, wie oft hast du ein "Like" unter Beiträgen gemacht, wo Menschen zu Schaden gekommen sind? Egal ob aus Selbstverschulden, Dummheit oder Blödheit? Haben wir uns derart geändert, dass uns Tierleid mehr schmerzt als Menschenleid?  Oder war das immer schon so?

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Sieglinde (Freitag, 03 Januar 2020 17:59)

    Ertappt!!!
    So ergeht es auch mir. Und wieder hast du einen Artikel verfasst, der mir aus der Seele spricht.

  • #2

    Konrad aus Mödling (Freitag, 03 Januar 2020 18:36)

    Danke für diesen Beitrag, den ich leider etwas wiedersprechen muss. Wenn man so auf Tierleid reagiert, dann ist man keine Bestie sondern ein guter Mensch. Du scheinst so einer zu sein.
    Ich handle genau wie du, die Dummheit der Menschheit muss mit einem lachenden Smilie oder einem Like belohnt werden. Dahinter steckt bei mir, wie wahrscheinlich auch bei dir, keine böse Absicht.

  • #3

    Helga (Freitag, 03 Januar 2020 20:38)

    Menschen die gut zu Tieren sind, denen das Tierleid weh tut, sind gute Menschen mit viel Herz.
    Das andere, deine Likes machst du nicht weil du ihm den Unfall oder was auch immer gewünscht hast, sondern weil etwas Schadenfreude hervorgerufen wird. So eine Art: Selbst schuld du Dummerl.

    Ich bin da auch nicht anders. Man gönnt niemandem Schlechtes, aber er soll dafür büßen.

    Dein Blog ist einfach genial. Danke