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Mehr als nur Ruhestätte - der Wiener Zentralfriedhof

Er ist ein Ort, an dem Verstorbene, in den meisten Fällen begleitet von einem religiösen oder weltlichen Ritus, bestattet werden und er erfüllt wichtige und in vielen Kulturen bestehende individuelle und kollektive Funktionen. Vor allem ist er dazu bestimmt, den Angehörigen Verstorbener ein ungestörtes Totengedenken in einem Raum zu ermöglichen, der deutlich von dem der Lebenden abgetrennt ist. Somit spielt er eine wichtige Rolle in der religiösen Praxis und erfüllt öffentliche Interessen. Doch er ist auch einer der größten und bedeutetsten Pilgerstätte der Stadt, er ist eine Sehenswürdigkeit und Naturraum verschiedenster Tiere und Pflanzen. Ich spreche vom Wiener Zentralfriedhof. Doch das war nicht immer so. Seit und teils auch schon vor seiner Eröffnung wurde der Zentralfriedhof häufig kritisiert und war bei der Bevölkerung nicht sehr beliebt – und dementsprechend schlecht besucht. So wurde die Trostlosigkeit des Areals bekrittelt, da im Vergleich zu heute nur eine karge Vegetation vorherrschte, außerdem verzögerte sich die Errichtung der dazugehörigen Bauwerke.

Zentralfriedhof Wien - der Park der Toten

Friedhofsbesucher mussten eine lange und mitunter beschwerliche Anreise auf sich nehmen, da es zu dieser Zeit noch keine direkte Bahnverbindung zum Friedhofsgelände gab. Um diesem negativen Image entgegenzuwirken und die Attraktivität des Friedhofs zu steigern, beschloss der Gemeinderat 1881 die Errichtung einer Ehrengräber-Anlage. Dazu wurden die sterblichen Überreste verschiedener prominenter Persönlichkeiten von anderen Friedhöfen auf den Zentralfriedhof verlegt, unter anderem Ludwig van Beethoven und Franz Schubert vom Währinger Ortsfriedhof. 1910 bekam der Friedhof nach einem von Max Hegele gewonnenen Gestaltungswettbewerb eine Friedhofskirche, die Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus, und damit einen weiteren Anziehungspunkt für die Besucher. Die Kirche wurde lang als Karl-Lueger-Gedächtniskirche bezeichnet, weil Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister war, hier beigesetzt ist. Ein anderes Problem, mit dem die Stadtväter zu kämpfen hatten, waren die Leichentransporte. Bei hunderten Toten pro Woche, die zur damaligen Zeit mit Pferdewagen in die neu entstandene Nekropole gebracht werden mussten, prägten diese kaum enden wollenden Leichenzüge schon bald das alltägliche Bild der Simmeringer Hauptstraße, sehr zum Missfallen der anwohnenden Bevölkerung, der diese ständige Konfrontation mit dem Tod zusehends auf das Gemüt schlug. Schon ab dem ersten Winter kam es immer wieder dazu, dass Kondukte im Schnee steckenblieben.

Nach den schlichten und auf ein Minimum reduzierten „Sparbegräbnissen“ unter Kaiser Josef II. versuchte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das wohlhabende Bürgertum es den Adeligen gleichzutun und inszenierte prunkvolle Trauerfeiern und Begräbnisse. Der seither viel zitierte Begriff der „schönen Leich“ war geboren. Auch heute noch stößt die schöne Leich auf das Interesse der Wiener Bevölkerung, so sind Staatsbegräbnisse von Politikern sowie Beerdigungen von Persönlichkeiten aus anderen Schaffensbereichen für viele Menschen Anlass, diesen prominenten Verstorbenen eine letzte Ehre zu erweisen. Wird beispielsweise ein Bundespräsident beigesetzt, so ist die Straße, die vom Hauptportal zur Präsidentengruft führt und zu beiden Seiten von Ehrengräbergruppen flankiert wird, Schauplatz von langen Trauerzügen. Aber auch von Vertretern der zeitgenössischen Popkultur wird mitunter in großem Rahmen Abschied genommen: Im Februar 1998 wohnten der feierlichen Beisetzung von Popstar Falco in einem ehrenhalber gewidmeten Grab tausende Menschen bei. Heute gehört der Zentralfriedhof zu einer der bekanntesten und größten Friedhöfen Europas.

Natur pur im Wiener Zentralfriedhof

Wie Anfangs schon erwähnt, ist der Zentralfriedhof nicht nur Ruhe- und Pilgerstätte, er ist Naturraum für Fauna und Flora. Aufgrund seiner Größe und des zum Teil dichten Baumbestandes beherbergt er eine vielfältige Tierwelt. Am häufigsten zu beobachten sind die vielen Eichhörnchen, die von den Wienern liebevoll „Hansi“ genannt werden und vergleichsweise zutraulich sind, da sie von Friedhofsbesuchern oft mit Nüssen gefüttert werden. Weniger bekannt sind die größten „tierischen Bewohner“ des Friedhofs, die rund 20 Rehe, die vorzugsweise auf dem Areal des alten jüdischen Friedhofs anzutreffen sind, nicht zuletzt wegen der dort um die alten Grabsteine wachsenden immergrünen Pflanzen, die vor allem in den kälteren Jahreszeiten eine verlässliche Futterquelle sind. Darüber hinaus bietet der Zentralfriedhof Lebensraum für Turmfalken, Feldhamster, Dachse, Marder, Frösche und andere Kleintiere. Bis Mitte der 1980er Jahre war das Friedhofsgelände sogar offizielles Jagdgebiet und der Wildbestand wurde durch einen von der Forstverwaltung eingesetzten Jäger kontrolliert. Heutzutage wird versucht, das ökologische Gleichgewicht auch ohne Einsatz von Gewehren zu bewahren, u. a. durch die Umweltschutzabteilung der Stadt Wien, die mit ihrem Arten- und Lebensraumschutzprogramm Netzwerk Natur dafür sorgt, dass abgesehen von den gepflegten Alleen und Gräberreihen auch verwilderte, naturnahe Bereiche erhalten bleiben. 

Anreise und Öffnungszeiten Zentralfriedhof Wien

Straßenbahnlinie 71 fährt zu Tor 1, 2, 3, 4 und Feuerhalle

Straßenbahnlinie 6 fährt zu Tor 1, 2, 3, 4, 5 und Feuerhalle

Schnellbahn S 7 fährt zu Tor 11

U-Bahn fährt bis U-Bahn-Endstation Simmering

 

Öffnungszeiten Haupteingang Tor 2: 

3. November bis Ende Februar: von 8 bis 17 Uhr

März sowie von 1. Oktober bis 2. November: von 7 bis 18 Uhr

April bis September: von 7 bis 19 Uhr

Mai bis August ist jeden Donnerstag bis 20 Uhr geöffnet

 

Die Nebentore werden aus organisatorischen Gründen bis zu einer Stunde später geöffnet beziehungsweise früher geschlossen. 

Fotocollage/Fotos: Federlos

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Kommentare: 1
  • #1

    Kurt (Donnerstag, 22 August 2019 07:03)

    Danke für den tollen Beitrag. Sollte ich auch wieder mal besuchen. LG Kurt aus Mödling